Geschichte, Kritik und Kontroversen eines prägenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystems
Kapitalismus und Demokratie gelten häufig als westliches Erfolgsduo: Freie Märkte soll(t)en Wohlstand schaffen, eine wachsende Mittelschicht politische Freiheit verlangen und Handel autoritäre Staaten öffnen. Lange galt wirtschaftliche Modernisierung deshalb zugleich als Weg zur Demokratie.
Doch historisch war das Verhältnis weit konfliktreicher: Besitzende Eliten bekämpften die Ausweitung des Wahlrechts, soziale Rechte mussten politisch erkämpft werden und marktradikale Reformen wurden auch unter Diktaturen durchgesetzt. Der wirtschaftliche Aufstieg Chinas und die Entwicklung Russlands zeigen zudem, dass Kapitalismus keineswegs automatisch zu Demokratie führt.
Auch innerhalb demokratischer Gesellschaften bleibt das Verhältnis spannungsreich: Vermögen, Medienmacht, Lobbyismus und Erbschaften können wirtschaftliche Ungleichheit in politischen Einfluss übersetzen. Mit den Tech-Eliten der Gegenwart und den Herausforderungen der Digitalisierung erhält diese alte Frage neue Aktualität. Klimakrise, globale Ungleichheit, Krieg und das Entstehen neuer Machtzentren stellen vermeintliche alte Gewissheiten über unsere Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung ebenfalls in Frage.
Der Vortrag verfolgt die wechselvolle Beziehung von Kapitalismus und Demokratie von der Industrialisierung bis in die Gegenwart. Dabei kommen unterschiedliche Perspektiven auf den Kapitalismus zur Sprache: von Karl Marx und John Maynard Keynes über die Frankfurter Schule bis hin zu ökologischen und feministischen Ansätzen sowie der Postwachstumsbewegung.
Im Mittelpunkt stehen zwei Fragen: Welche politischen Regeln braucht eine kapitalistische Wirtschaftsordnung, damit aus ökonomischer Freiheit nicht politische Oligarchie wird? Und: Sind Kapitalismus und Marktwirtschaft tatsächlich dasselbe – oder ist eine Marktwirtschaft ohne Kapitalismus denkbar?
In Gesprächen, kurzen Inputs und Textbeispielen reflektieren wir die Vielschichtigkeit kapitalismuskritischer Perspektiven – von theoretischer Analyse bis persönlicher Haltung. Ziel ist es, historische Linien und aktuelle Argumente der Kapitalismuskritik kennenzulernen, deren Motive zu verstehen und eigene Positionen differenzierter zu entwickeln.
Kostenfrei durch Landesförderung zur politischen Bildung.